Die Freiheit, zu kreieren, was sich gut anfühlt
Nicht jeder kreative Prozess braucht einen Plan oder eine Strategie. Wenn ich fotografiere, habe ich oft Visionen im Kopf. Ich weiß, was ich abbilden möchte, wie das Licht fallen soll, was im Fokus steht, wie sich das Bild anfühlen soll. Aber oft halt auch auch einfach nicht. Und das ist völlig ok. Denn ein Großteil meiner Arbeit entsteht tatsächlich in der Bearbeitung.
Die Idee zu diesem Blogpost kam, als ich Bilder einer Irland Reise bearbeitet habe. Eigentlich hätte ich die Bilder längst mal anschauen und sortieren wollen, schließlich war sie bereits Monate her… Ich klickte mich also durch den Lightroom Katalog und blieb bei einer Szene vom Lahinch Beach hängen. Felix, mein Partner, stand irgendwo in der Ferne, ziemlich mittig im Bild und spiegelte sich im nassen Sand.
Solche Bilder nehme ich oft mittig auf, warum weiß ich gar nicht genau. Ich sehe die Spiegelung bereits beim fotografieren, aber was später draus entsteht, ist mir oft nicht bewusst. Ich sah auf das Bild, fand es erstmal unspektakulär, drehte es aus Spaß um 180 Grad, schnitt es enger, legte mein Preset drauf und drehte noch etwas am Weißabgleich. Und plötzlich… fühlte ich es. Da war etwas, das Bild wirkte plötzlich auf mich ein. Es wirkte ruhig, warm, vertraut und je länger ich es ansah, umso melancholischer wurde ich.
Bildbearbeitung ist nicht nur korrigieren oder gar retten, sondern ein kreativer Bestandteil der digitalen Fotografie.
Für viele Fotograf*innen liegt der Fokus natürlich auf dem fotografieren selbst. Das sagt der Name ja schon. Bildbearbeitung ist dann oft das lästige Danach. Kontraste anziehen, aufhellen, Grüntöne entsättigen… you name it. Viele lagern diesen Teil inzwischen sogar aus, lassen es eine KI machen. Ich verstehe es zu teilen, aber gleichzeitig käme es für mich nicht in Frage, da ich nicht auf Perfektionismus aus bin, sondern auf Gefühl.
Manche betrachten Bearbeitung sogar als etwas fast Verpöntes und schmücken sich regelrecht damit, dass alles „straight out of cam“ schon perfekt und jedes Detail mit Bedacht inszeniert ist. Das bewundere ich manchmal etwas, denn ich gehöre definitiv nicht dazu. Meine Bilder „straight out of cam“, direkt von der Speicherkarte aufs MacBook gezogen, sind selten besonders beeindruckend (finde ich). Sie sind oft messy, aus dem Moment heraus und spontan. Oft auch einfach viel zu viel, weil ich mich gerne im Serienmodus verliere, um keinen Moment zu verpassen.
Und manchmal weiß ich gar nicht mehr genau, was ich eigentlich alles fotografiert habe, weil mein Kopf in dem Moment meist ganz woanders war, als bei der Technik selbst: bei den Menschen, die ich dokumentiere. Während ich auf den Auslöser drücke, rede oder lache ich mit ihnen. Oder ich lasse einfach Stille zu, wenn sie gerade richtig erscheint. In meinem Kopf laufen dabei oft Songs oder Zitate ab, die zu dem passen, was ich sehe. Kurz: ich bin oft mit anderen Dingen beschäftigt, als mit der perfekten Komposition oder der besten technischen Ausleuchtung. Und während mein Kopf woanders ist, springt das Herz gerne mal ein und übernimmt die Vertretung.
Die Magie entsteht dann später, beim sichten und bearbeiten. Gerade bei dokumentarischen Aufnahmen wird oft so getan, als wäre Bearbeitung etwas, das möglichst unsichtbar bleiben sollte. Dabei steckt so viel Ausdruckskraft genau da drin. In der Art, wie man Farben einsetzt, Kontraste hervorhebt oder Ausschnitte wählt. Es sind Entscheidungen, die die Wirkung eines Bildes komplett verändern können und zwar nicht nur inhaltlich, sondern emotional.
Für mich gehört die Bearbeitung daher genauso zur Fotografie wie das Fotografieren selbst. Es ist nicht der nachgelagerte Feinschliff, sondern ein eigener kreativer Prozess, bei dem man manchmal noch ganz andere Ebenen eines Bildes entdecken kann. Manchmal auch eine Bildkombination.
Die Sache mit der Intuition
Intuitive Bildgestaltung bedeutet für mich nicht, alles dem Zufall zu überlassen. Es bedeutet, dem zu vertrauen, was sich im Moment stimmig anfühlt.
Ich arbeite bei Shootings gern mit Moodboards, die eine Richtung vorgeben. Aber sie sollen mich nicht einschränken. „Mood“ bedeutet schließlich Gefühl und genau das ist für mich der wichtigste Teil meiner Arbeit.
Intuition ist nicht planbar, aber sie ist trainierbar. Je öfter ich es mir erlaube, Dinge zu tun, ohne sie vorher erklären oder begründen zu müssen, desto freier wird mein Arbeiten. Oftmals nutze ich kreative Pausen, um in der Bildgestaltung zu experimentieren oder gehe einfach mal raus, um Gedanken in meinem Kopf zu bebildern. Manchmal baue ich auch kleine Studiosettings auf, lasse mich treiben und greife einfach nach dem, was gerade da ist. Alltagsgegenstände, Fundstücke, Dinge aus der Wohnung. Manches ergibt sofort Sinn, anderes lässt viel Raum für Interpretation. Und genau das mag ich. Es geht mir dabei aber nie darum, verwertbaren Content für Social Media zu produzieren. Wenn am Ende etwas entsteht, das ich gern zeige ist es super, aber im Kern geht es mir ums experimentieren und um das kreieren an sich.
Und je öfter ich diese Intuition zulasse, desto mehr vertraue ich darauf, dass mein Gefühl mich in der Fotografie leitet und etwas tieferes entstehen lässt.
Ich glaube in der Fotografie liegt eine große Freiheit. Nicht nur darin, zu sehen und zu dokumentieren, sondern auch darin, zu interpretieren. Man muss nichts neu erfinden, um etwas sichtbar zu machen. Oft reicht es, der Intuition zu folgen. Fotografie ist für mich kein technischer Akt, sondern ein Gefühl und Bearbeitung ist ein Weitererzählen, ein sichtbar machen.
Vielleicht geht es am Ende genau darum: nicht alles durchzuplanen, sondern Raum zu lassen. Raum für Zufall, Gefühl und für all das, was sich erst im Prozess oder bei der Bearbeitung zeigt. Gute Bilder entstehen für mich nicht, weil man beschließt, ein gutes Bild zu machen. Sie entstehen aus dem Moment heraus. Und aus Mut, einfach zu machen. Ganz intuitiv. Einfach, weil es sich gerade richtig anfühlt.